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Archiv für Juni 2011

Das Imperium schlägt zurück oder Weltflüchtlingstag 2011

Am heutigen Tag, den 20. Juni 2011, ist Weltflüchtlingstag. Nicht erst seit der Arabischen Revolutionen kennen wir die Bilder überfüllter Boote die gen Europa fahren. Ich möchte zum Einstieg aus dem Buch „Die neuen Herrscher der Welt“ von Jean Ziegler erzählen. Ziegler schreibt von einem Erlebnis am Flughafen Brüssel-Zaventem. Er beschreibt, wie die Leichen von Fode Toure Keita (15) und Alacine Keita (14) aus Guinea im Fahrwerkkasten einer Boing 747 entdeckt wurden. Sie waren bekleidet mit „einfachen Short, Hemd und Sandalen“. Sie seien, so schreibt er, bei einer Zwischenlandung in Conakry in den Fahrwerkkasten geklettert.

In der Hemdtasche von Fode fand der Kontrolleur ein sorgfältig gefaltetes Stück Papier, auf dem in ungelenkter Schrift stand: „ Und wenn ihr seht, dass wir uns geopfert haben und unser Leben aufs Spiel setzen, dann darum, weil wir in Afrika zu sehr leiden und weil wir euch brauchen, um gegen Armut zu kämpfen und dem Krieg in Afrika ein Ende zu machen. Trotzdem wollen wir studieren, und wir bitten euch, uns dabei zu helfen, damit wir in Afrika so sein können, wie ihr seid.Schließlich bitten wir euch inständig, uns zu vergeben, dass wir es gewagt haben, diesen Brief gerade an euch zu schreiben, die großen Herrschaften, denen wir so viel Respekt schulden. Vergesst aber nicht, dass ihr es seid, bei denen wir uns für die Unzulänglichkeit unserer Kräfte zu bedanken haben.“

Es steht außer Frage, dass es richtig ist, Flüchtlinge aufzunehmen, die politisch Verfolgt werden. Das schreibt unser Grundgesetz vor. Wie ist es aber mit sog. „Wirtschaftsflüchtlingen“, die in den globalen Norden kommen, weil sie ein besseres Leben wollen? Wer sind diese Menschen und wie – und vor allem warum- müssen diese so leben?Zum ersten Mal in der Geschichte leben wir in einer Situation, in der es keine Fatalität gibt, dass diese Menschen in (absoluter) Armut leben und sterben müssen.Jeden Tag sterben 100.000 Menschen an Hunger und seinen unmittelbaren Folgen. Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind unter 7 Jahren und einer von sechs Menschen auf diesem Planeten ist permanent schwerstens unterernährt.Und alle 4 Sekunden erblindet ein Mensch durch den Mangel an Vitamin A.

Diese Zahlen stammen aus dem Worl Food Report der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der UNO.Der gleiche Bericht sagt, dass die Weltlandwirtschaft ohne Probleme 12 Milliarden Menschen, also fast das Doppelte der Weltbevölkerung, ernähren könnte.Die Weltbank (!) schreibt in einer Statistik, dass 2,7 Milliarden Menschen unter der Grenze zur extremen Armut leben.Im letzten Jahrzehnt hat sich das Weltsozialprodukt mehr als verdoppelt und das Welthandelsvolumen hat sich verdreifacht. Die verfügbaren Güter dieses Planeten und der globalen Wirtschaft, übertreffen um ein Vielfaches die Bedürfnisse der Menschen – und gleichzeitig wachsen die Leichenberge des Südens.

Die Armut des Südens ist kein Naturgesetz, sie ist vom Norden gewollt und wird aufrecht erhalten. Die Europäische Union zahlt jedes Jahr viele Milliarden Euro an Agrarsubventionen. Diese Subventionen sorgen dafür, dass europäische Waren auf den afrikanischen Märkten zu einem Drittel oder zur Hälfte des Preises äquivalenter Inlandsprodukte angeboten werden können. Mensch könnte jetzt noch über den Internationalen Währungsfond, die Weltbank und ihre menschenverachtende Praxis der Unterjochung des Südens schreiben. Dies ist aber nicht mein Ziel, sondern ich möchte aufzeigen, welche strukturelle Gewalt den Stimmenlosen angetan wird, die einige von diesen Menschen dazu bringt, aus ihrem sozialem Umfeld und ihrer Heimat, zu fliehen. Sie fliehen in den Norden, nicht um uns unseren Reichtum zu stehlen, wie es von den konservativen Menschenfreunden in unserem Land suggeriert wird, nein, sie fliehen um ein besseres Leben führen zu können und um ein wenig von dem Reichtum genießen zu dürfen, welcher ihnen von den transkontinentalen Oligarchien des Nordens geraubt wurde.

 Der Wunsch nach einem besseren Leben, der Wille nach einem Neuanfang vernab von Armut, Perspektivlosigkeit und Diskriminierung sollte und darf nicht kriminalisiert werden. Leider hat sich auch die Sozialdemokratische Partei in den letzten Jahrzehnten an dieser Praxis beteiligt. Ist es nicht der Wunsch nach einem besseren Leben und das Versprechen, dass es den Menschen mit der Sozialdemokratie besser gehen soll, der  seit nunmehr über 150 Jahren der Kern sozialdemokratischer Politik ist? Ich habe dieses Versprechen niemals so verstanden, dass es sich nur auf den deutschen oder europäischen Menschen bezieht !


Kategorien:Politik

Warum ich den Afghanistan-Krieg ablehne!

In den letzten Tagen und Wochen wurde ich oft gefragt, warum ich gegen den Krieg in Afghanistan sei. Dies ist eine Frage die es verdient ausführlich beantwortet zu werden. Nachfolgend möchte ich dies versuchen.

Da es bis heute keine völkerrechtlich bindende Definition von “Terrorismus” gibt, werde ich zwar diese Terminologie zur besseren Verständlichkeit nutzen, jedoch distanziere ich mich ausdrücklich von dieser.

Am 11. September wurden die USA von Menschen, die im allgemeinen Sprachgebrauch als “Terroristen” bezeichnet werden, angegriffen. Mit berufung auf Art. 5 des Washingtoner-Vertrages hat die NATO beschlossen, dass “ein bewaffneter Angriff gegen ein oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als Angriff gegen sie alle angesehen wird.” Somit ist zum ersten Mal der sog. Bündnissfall eingetreten. Als Antwort auf die Anschläge vom 11. September 2001 rief der damalige US- Präsident Goerge W. Bush den “war on terror” aus und am 7. Oktober 2001, griffen Streitkräfte der USA und Großbritaniens  mit Unterstützung der afghanischen Nordallianz, Afghanistan an.

Am 19. November 2001 beschloss der Deutsche Bundestag die Beteiligung an der “Operation Enduring Freedom” also der “Operation andauernde Freiheit” – dem Krieg in Afghanistan. Die Beteiligung am OEF-Mandat wurde am 19. Juni 2010 nicht verlängert.

Einen Tag nach den “Terror”-Anschlägen trat am 12. September 2001 der Security Council der Vereinten Nationen zusammen und beschloss die Resolution 1368. In der Präambel trifft der Sicherheitsrat allgemeine Feststellungen über die Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft, Bedrohungen des Friedens und der Sicherheit durch “terroristische” Akte mit allen Mitteln zu bekämpfen und des Weiteren auch über die Anerkennung des Rechts auf Selbstverteidigung. Einer bevorstehenden militärischen Intervention erteilte der Sicherheitsrat jedoch keine Legitimation! Ebenso berief sich die Staatengemeinschaft nicht auf Kapitel 7 der Charta, die die einzige Rechtsgrundlage für militärische Sanktionsmaßnahmen gewesen wäre.

In Artikel 2 Ziffer 4 der UN-Charta ist festgehalten, dass die Androhung und Durchführung von Gewalt gegen ein souveränes Mitglied der Vereinten Nationen, einem strengen Verbot unterliegt.

Der Krieg in Afghanistan war und ist ein Aggressionkrieg, der nach der Deklaration der UNO über die Prinzipien des Völkerrechts von 1970 und nach der allgemein anerkannten Definition der Aggression von 1974, als ein Verbrechen gegen den Weltfrieden zu bewerten ist. Die USA und ihre Klientel der Hörigkeit – auch die Bundesrepublik Deutschland- tragen hierfür die Verantwortung.

Der Krieg kann nicht mit dem Recht auf Selbstverteidigung gerechtfertig werden, da Afghanistan die USA nicht angegriffen hat. Bis heute gibt es keine Beweise, dass die Drahtzieher oder die Durchführenden selber, im Auftrag oder unter Schutz der afghanischen Regierung ( derTaliban) gehandelt haben.

Am 20. Dezember 2001 trat der Sicherheitsrat zu einer erneuten Sitzung zusammen und beschloss die Resolution 1386. In dieser Resolution erteilt der Sicherheitsrat keine nachträgliche oder rückwirkende Legitimation dieses Aggressionskrieges. Gleichwohl -und das halte ich für falsch- akzeptierte der Sicherheitsrat das Besatzungsregime. Mit Berufung auf das o.g. Kapitel 7 der Charta, wurde die International Security Assistance Force (ISAF) eingerichtet. Diese steht heute unter NATO-Oberbefehl und wird von General David Patraeus (USA) geführt.

Es stellt sich also folgende Frage: Wie kann durch einen völkerrechtswidrigen Akt, eine völkerrechtskonforme Besatzung legitimiert werden?

Wiederum beschloss der Deutsche Bundestag in einer Sondersitzung am 22. Dezember 2001 die Beteiligung am ISAF-Mandat.

Zur Zeit sind 48 Nationen mit rund 80.000 Soldat_innen an diesem Krieg beteiligt.

Im Laufe des Krieges und auch zur Zeit, wurden/werden schwere Kriegsverbrechen von allen beteiligten Nationen begangen. Anbei ein paar Stichpunkte:

  • Verstöße gegen die Genfer Konvention zur Regelung des Umgangs mit Kriegsgefangenen (executive order vom 18.09.2004, die die Bildung von Kommandotruppen autorisiert, die ausserhalb aller nationalen und internationalen Gesetze operieren dürfen. Laut patriot act, haben feindliche Kämpfer weder den Status eines Kriegsgefangenen, noch den Status eines “normalen” Rechts unterliegenden Strafgefangenen)
  • Verstöße gegen das Abkommen zum Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten aus dem Jahr 1977
  • Pakt über bürgerliche und politische Menschenrechte aus dem Jahr 1966
  • Übereinkommen von 1980 über das Verbot oder Beschränkung des Einsatzes konventioneller Waffen, die übermäiges Leiden verursachen oder unterschiedslos wirken können (z.B. der Einsatz von Uran-Munition)
  • Übereinkommen gegen die Anwendung von Folter aus dem Jahr 1984
  • Bombadierung von Kundus steht unter dem Verdacht eines Kriegsverbrechens (Art. 51 des ersten Zusatsprotokolls bzw. Art. 13 des zweiten Zusatsprotokolls)

Es steht ausser Frage und es bedarf auch keiner Diskussion darüber, dass die Menschen der Taliban, sowie auch der al-Qaida, Menschenfeinde sind. Diese habe jahrelang und auch noch heute, Menschenrechtsverletzungen begangen. Ich spreche mich gegen jede Verletzung dieses großartigen Dokuments aus – und dabei spielt es keine Rolle von wem oder wo diese begangen wird.

Immer wieder werden in der öffentlich-medialen Diskussion die Frauenrechte ins Spiel gebracht. Wir führen also tatsächlich einen Krieg für Frauenrechte. Die Burka sei als Stichwort genannt. Aber eines ist doch klar, die Burka gab es vor den Taliban, es gab sie zur Zeit der Taliban und es wird sie auch noch nach den Taliban geben.

Weitere Argumente die immer wieder genannt werden, sind der Wiederaufbau des zerstörten Landes (Krieg gegen die Sowjetunion und der Bürgerkrieg der zur Machtergreifung der Taliban geführt hat) oder auch die Schaffung des freien Zugangs zu Bildungsmitteln. Wir führen also “Krieg für Brunnen und Schulen”, wie es Hagen Rether einmal sehr treffend gesagt hat.

Last but not least, führen wir einen Krieg gegen den internationalen “Terrorismus”.  Mir sind zwar keine “Terroranschläge” der Taliban ausserhalb Afghanistans ( wenn es in Afghanistan Anschläge gibt, hängen diese mit der Besatzung zusammen) bekannt, jedoch kann man nicht leugnen, dass Anschläge von Al-Qaida verübt worden sind. Madrid und London könnte mensch als Beispiel anführen. Jetzt stellt sich die Frage, woher dieser “Terror” kommt ? Diese Frage ist relativ einfach zu beantworten. Ihr Hauptstandbein hat Al-Qaida in Pakistan und Saudi Arabien. Diese beiden Länder sind enge Verbündete der USA. Es lohnt sich zu erwähnen, dass die meisten Attentäter vom 11. September aus Saudi-Arabien stammten, ebenso wie Osama bin Laden. Hierrzu möchte ich noch auf die enge Verbindung des Bush-Clans mit der Familie Osama bin Ladens aufmerksam machen. Zwei Verbindungen zwischen Saudi-Arabien, Pakistan, Taliban und Al-Qaida gibt es dennoch. Zum einen ist es die wahhabitische Koranauslegung , eine erzkonservative Auslegung des Koran. Die ideologischen Lehrmeister sind vor allem in Saudi-Arabien anzutreffen. Um die zweite Verbindung zu finden, muss mensch einen Blick in die Geschichte Afghanistans legen. In den Jahren 1994 bis 1996 gab es einen erbitterten Machtkampf zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban, den schlussendlich die Taliban durch finanzielle und materielle Unterstützung von Saudi-Arabien und Pakistan für sich entscheiden konnten. Jedes zivile Opfer dieses Krieges, oder wie es im Polit-Jargon heißt, jeder “Kollateralschaden” führt zur Radikalisierung junger Menschen, die den einzigen Ausweg darin sehen, den Kampf gegen die Besatzer – gegen den Westen- aufzunehmen. Dies ist ein Kreislauf der niemals eine Ende haben wird. Die designierten “Terroristen” werden nicht durch einen abstrakten islamistischen Weltherrschaftsgedanken mobilisiert, nein, sie werden durch konkret erlebte Ungerechtigkeit mobilisiert.  Mensch kann also ganz einfach feststellen, dass wir immer wieder neue “Terroristen” produzieren. Die Bundeswehr und ihr dortiger Einsatz führen ebenso zu diesem Kreislauf. Unsere Sicherheit wird demnach nicht am Hindukusch verteidigt, sondern gefährdet!

Ganz allgemein lässt sich also sagen, dass der Krieg in Afghanistan, der mit Menschenrechtsverletzungen der Taliban begründet wird, zu wiederum neuen Menschenrechtsverletzungen führt.

Fast jeder große Krieg seit Menschengedenken hängt mit handfesten politischen und ökonomischen Interessen zusammen. Im Juni 2001 gab es in Bonn eine Konferenz zwischen Ländern des globalen Nordens (dem Westen) mit Vertretern der Taliban. Es ging in dieser Konferenz um den Bau von zwei Pipelines vom Kaspischen Meer zum Persischen Golf. Die Taliban lehnten dies jedoch ab. Des Weiteren genügt ein Blick auf einen Globus oder eine Landkarte, um festzustellen,dass Afghanistan ein strategisch wichtiges Land an der Schnittstelle zwischen Süd- und Zentralasien ist. Somit also inmitten eines politische Pulverfasses liegt. Ich erinnere noch einmal an das Interview von Horst Köhler, in dem er sagte, dass es bei dem Krieg in Afghanistan (auch) um die Sicherung von Handelswegen ginge.

Diese Interessen werden immer wieder  mit dem Einsatz für Menschenrechte und Demokratie auf einer einen Seite und dem Kampf gegen das Böse ( z.B. “Achse des Bösen” oder “evil empire”), auf der anderen Seite, verschleiert. Dieses Schema lässt sich noch ein wenig einfacher ausdrücken: Wir, die Guten, kämpfen gegen die Bösen.

Ich möchte aus §8 des Soldatengesetzes zitieren: “Der Soldat muss die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes anerkennen und durch sein gesamtes Verhalten für ihre Erhaltung eintreten.”

Weiter aus Artikel 26 des GG: “(1) Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines AngriffsKrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.”

Und Artikel 11 aus dem Soldatengesetz: “(1) Der Soldat muss seinen Vorgesetzten gehorchen. Er hat ihre Befehle nach besten Kräften vollständig, gewissenhaft und unverzüglich auszuführen. Ungehorsam liegt nicht vor, wenn ein Befehl nicht befolgt wird, der die Menschenwürde verletzt oder der nicht zu dienstlichen Zwecken erteilt worden ist; die irrige Annahme, es handele sich um einen solchen Befehl, befreit den Soldaten nur dann von der Verantwortung, wenn er den Irrtum nicht vermeiden konnte und ihm nach den ihm bekannten Umständen nicht zuzumuten war, sich mit Rechtsbehelfen gegen den Befehl zu wehren.”

Die OEF ist – wie ich es oben geschrieben habe- ein Aggressionskrieg und hat keine völkerrechtliche Legitimität, d.h. dass Soldat_innen jede Unterstützung und Beteiligung durch ihre Recht auf Gehorsamsverweigerung hätten verweigern müssen.

Den Menschen in Afghanistan zu helfen ist ein Gebot internationaler Solidarität, einer Solidarität die sich nicht durch die Anwendung von Gewalt zeigt, sondern in konkret erfahrbarer (nicht militärischer) Hilfe. Internationale Solidarität bedeutet den Stimmenlosen eine Stimme zu geben, ohne das die Oligarchien des Finanzkapitals ihre menschenverachtenden Interessen durchsetzen können. Denn wenn es überhaupt eine bedingungslose Solidarität gibt, wie sie Gerhard Schröder propagierte, dann gilt sie den Menschen gegenüber, die nicht das Glück haben in relativen Frieden und Reichtum zu leben.

Abschließend muss gesagt werden, dass die bereits jahrelang andauernde Militarisierung der deutschen Aussenpolitik immer weiter vorran schreitet und das viele Menschen, leider vor allem auch die von uns gewählten Vertreteter_innen, dieses nicht als Thema zu begreifen scheinen.

Deshalb: NIE WIEDER KRIEG! NIE WIEDER BARBAREI!

Polizeieinsatz in alter Pauline!

14. Juni 2011 6 Kommentare

Am vergangenem Freitag hat in Detmold die Trauerfeier für den in Afghanistan getöteten Soldaten Alexej K. stattgefunden.

Nach einigen Tagen in denen ich viel über die Ereignisse nachgedacht habe, möchte ich von meinen Erlebnissen berichten.

Unter einem großen Sicherheitsaufgebot von Polizeit und Militär, haben u.A. auch der Verteidigungsminister Thoman de Maiziere und Aussenminister Guido Westerwelle  an der Trauerfeier in der katholischen Heilig Kreuz Kirche teilgenommen.

Die Zufahrtswege zur Kirche und zum Schubertplatz waren großräumig gesperrt und nachdem ich einmal von der Polizei kontrolliert wurde (ich sah wohl, warum auch immer, sehr bedrohlich aus), kam ich um 14: 05 Uhr an der alten Pauline an, wo ich mich mit einem Freund treffen wollte. Auf der höhe der Druckerei, also dem Nachbargebäude, hörte ich, dass aus den Räumen der Paule Musik zu hören war. Die Musik – das spielt nachfolgend eine Rolle- hörte ich erst, als ich auf der Höhe der Druckerei war.

Auf dem Gelände der alten Pauline waren zu diesem Zeitpunkt bereits ca. 15 (Zivil-) Polizisten. Die Stimmung bei den Polizisten war, um es vorsichtig zu sagen, etwas gereizt. Ich fragte einen Polizisten was der Beweggrund für diese Aktion sei und er antwortete, dass mich dies nichts angehe und fragte mich auf eine unhöfliche Weise was ich hier zu suchen habe. Ich erklärte ihm die Lage.

Zwischendurch waren immer wieder Kommentare wie “Lasst und doch einfach die Anlage aus dem Fenster reißen…” “Warum räuchern wir die Zecken nicht einfach aus” oder auch “undankbares Pack” zu hören. Nach kurzer Zeit wurde ich angewiesen das Gelände zu verlassen. Ich begab mich also auf den Bürgersteig vor der alten Pauline. Kurz danach kam Landrat Heuwinkel an und unterhielt sich mit einer Gruppe von Polizisten. Ihm war die Freude an dieser Situation regelrecht anzusehen.Was genau besprochen wurde konnte ich nicht hören, jedoch kam danach die Anordnung, dass die Tür aufgebrochen werden soll. Zwei Zivilpolizisten gingen zu einem Auto und holten aus dem Kofferraum zwei Brechstangen und gingen dann zurück auf das Gelände der alten Pauline. Zu diesem Zeitpunkt (14:20 Uhr) war schon keine Musik mehr zu hören.

Um ca. 14:25 wurde die Tür aufgebrochen und kurze Zeit später war aus den oberen Etagen der Pauline lautes Gebrüll zu hören. Was und von wem konnte ich nicht verstehen.

Zwischen 14:35 Uhr  und 14:45 Uhr wurden die handvoll Menschen die sich in der Pauline befanden mit Handschellen abgeführt und im Anschluss über das Gelände des Gerichts abtransportiert.

Ich unterhielt mich zu dieser Zeit mit einem Mann, der Fotos von dieser Situation gemacht hat und konnte daher nicht sehen, dass die Menschen bereits abgeführt wurden.

Um 15 Uhr wurde das zerstörte Türschloss ausgetauscht und die Pauline “bis auf weiteres geschlossen”. Während der ganzen Zeit waren Soldaten auf dem Gelände -welches an sich schon eine starke Provokation ist.

Auf Nachfrage, wo sich die Menschen befinden,  die in der alten Pauline waren, sagte mir ein Polizist, dass sie  an einem sicheren Ort seien.

Die besagten Menschen wurden nach Bad Salzuflen gebracht und dort für mehrere Stunden eingesperrt – ohne das sie wussten was ihnen vorgeworfen wurde und ohne das  ihnen ihre Rechte verlesen wurden.

Am Abend erfuhr ich, dass ein Zivil-Polizist einen Menschen mit einer Brechstange bedrohte und Pfefferspray gegen ihn einsetzte, ohne das dieser Widerstand gegen seine Festnahme leistete!

Auf ihr Recht zu telefonieren, mussten diese mehrere Stunden warten.

Die LZ schreibt in ihrem Artikel : “…weil aus der Nachbarschaft lautstarke Musik ertönte, die die Trauerfeier erheblich gestört hatte, berichtet die Polizei.”

Wie ich bereits oben geschrieben habe, war die Musik nicht laut genug, damit sie die Trauerfeier hätte stören können. Des Weiteren haben die Menschen freiwillig die Musik um ca. 14: 20 Uhr abgestellt.

Am Donnerstag und auch nach der Aktion, haben mir die betreffenden Personen versichtert, dass sie diese die Trauerfeier nicht aktiv stören werden/wollten.

Ihr Anliegen war es, sich gegen diese politische Inzenierung und Kriegspropaganda zu wehren und sich gegen einen propagierten Heldenmythos auszusprechen!

Die Familie des getöteten Soldaten hat ihren Sohn und Bruder verloren. Ein Verlust den ich mir nicht vorzustellen vermag. Ich -und auch die Menschen in der alten Pauline- trauern mit jedem Menschen der einen Lieben verloren hat, auch und ganz besonders, wenn dieses durch einen Krieg passiert. Jede_r hat das Recht zu trauern, aber die Politik und die Bundeswehr haben nicht das Recht, diese Trauer politisch zu nutzen, um der Bevölkerung zu suggerieren, dass der Krieg in dem “unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird” richtig und wichtig sei und das die Bundeswehr an noch mehr Auslandseinsätzen teilnehmen müsse.

Denn es bleibt dabei und muss immer wieder gesagt werden: Krieg darf niemals ein Mittel der Politik sein!

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In unbändinger Hoffnung…

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir mor-
gen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr ma-
chen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins :
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie
dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für
Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins :
Sag NEIN !
Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt
Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins :
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN !
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
keine Liebeslieder, du sollst Haßlieder singen, dann gibt es nur eins :
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins :
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins :
Sag NEIN !
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt
es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins :
Sag NEIN !
Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen, du
sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins :
Sag NEIN !
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum
Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins :
Sag NEIN !
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Trup-
pentransporter, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen
kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!


Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter
in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter
in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdtei-
len, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder ge-
bären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für
neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!


Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann:


dann:


In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen
Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver was-
serleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, al-
gen-, tang- und muschelüberwest, den früher so schimmernden dröh-
nenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben -
die Straßenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige
blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der
Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen,
in verlorenen kraterzerrissenen Straßen-


eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen,
gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten
und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und
gierig, unaufhaltsam -


der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen,
der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf
den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen
Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken -


in den Instituten werden die genialen Erfindungen der großen Ärzte
sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln -


in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Spei-
chern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kür-
bis und Kirschsaft verkommen – das Brot unter den umgestürzten Ti-
schen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelau-
fene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird
neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer
und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der
stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln
-zerbröckeln -zerbröckeln -


dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpeste-
ter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne
und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den un-
übersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen
betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig,
lästernd, klagend -und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört
in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern
im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen,
ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch -


all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute
nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn — wenn — wenn ihr nicht
NEIN sagt.

-Wolfgang Borchert- 

Kategorien:Politik
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